Es gibt Momente im Leben, in denen die Zeit für einen winzigen Wimpernschlag stillzustehen scheint, bevor sie unerbittlich in eine völlig neue, dunklere Richtung weiterläuft. Der späte Abend des 23. August 1981 war ein solch einschneidender Moment für Hans-Joachim Preil. Es war ein gewöhnlicher Sommerabend in Ost-Berlin. Die Straßen der Stadt atmeten die warme Restluft des Tages aus, und in den zahlreichen Wohnzimmern der Republik flimmerten vermutlich noch die letzten späten Sendungen über die Fernsehbildschirme.
In einer Zeit, in der das Leben oft von grauen Routinen und strengen politischen Vorgaben geprägt war, stellten Künstler ein dringend benötigtes Fenster der Freiheit dar. Ihr Humor war ein sicherer Hafen für Millionen. Preil befand sich an diesem Abend irgendwo auf dem Weg nach Hause, völlig ahnungslos, dass sich das Fundament seiner eigenen Existenz in diesen Minuten für immer verändern sollte.

Die Vorstellung näherte sich allmählich ihrem Höhepunkt. Nichts, aber auch gar nichts deutete auf eine drohende Katastrophe hin. Es gab kein langsames, sichtbares Nachlassen seiner unglaublichen Energie, kein Schwanken auf der Bühne, kein einziges Zeichen, das auch nur ein einziger Kollege hätte warnend deuten können. Doch dann, völlig aus dem Nichts, passierte das Unfassbare. Herricht begann plötzlich, auf der Bühne wegzudriften. Sein Körper versagte ihm von einer Sekunde auf die andere komplett den Dienst. Wolfgang Ostberg, sein langjähriger und erfahrener Bühnenkollege, stand in dieser verhängnisvollen Szene glücklicherweise direkt neben ihm.
Er bemerkte das abrupte Flackern in Herrichts Augen und reagierte rein instinktiv. Mit einem raschen, rettenden Griff fing er den bereits fallenden Star auf, bevor dieser hart auf dem hölzernen Boden aufschlagen konnte. Ostberg legte ihn so behutsam und liebevoll auf die Bretter, als würde er jemanden ablegen, der nur für einen kurzen Moment die Augen schließen will und gleich wieder voller Tatendrang aufspringt. Doch Rolf Herricht stand nicht mehr auf. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.
Was auf diesen ersten, fast noch bescheidenen Auftritt folgte, war eine beispiellose, drei Jahrzehnte andauernde Erfolgsgeschichte, die in der deutschen Unterhaltungslandschaft bis heute ihresgleichen sucht. Mehr als 100 Sketche entstanden im Laufe der Jahre aus der fleißigen Feder von Preil. Sie wurden schnell zu den absoluten Megastars des DDR-Fernsehens. Wenn die aufwendig produzierte Samstagabend-Show „Ein Kessel Buntes“ ausgestrahlt wurde, passierte in den Städten und Dörfern der Republik etwas Unglaubliches: Die Straßen waren wie leergefegt. Diese Show war nicht einfach nur eine reguläre Sendung, sie war das absolute Lagerfeuer der gesamten Nation.
Sie war eine der wenigen wertvollen Gelegenheiten, bei denen Alltag und Glamour für wenige Stunden miteinander verschmolzen. Wenn die majestätische Titelmelodie erklang, wusste jedes Kind im Land: Jetzt kommt das absolute Highlight der Woche. Millionen von Familien versammelten sich erwartungsvoll vor ihren flimmernden Fernsehgeräten, weil sie wussten, dass nun endlich Herricht und Preil auftraten. Ihre legendären Schallplatten, die massenhaft über das staatliche Amiga-Label vertrieben wurden, verkauften sich millionenfach. Sie wurden in den Wohnzimmern der Nation wieder und wieder aufgelegt, bis die Nadeln der Plattenspieler die feinen Rillen buchstäblich bis zur Unkenntlichkeit abgenutzt hatten.
Die Einsätze von Herricht und sein entrüstetes, stets leicht verzweifeltes „Aber Herr Preil!“ wurden innerhalb kürzester Zeit zu festen geflügelten Worten. Sie gingen tief in den allgemeinen Sprachgebrauch über und wurden wie alte, geliebte Möbelstücke zu einem festen, tröstenden Bestandteil des ostdeutschen Alltags.

Kritiker und Journalisten haben dieses Duo oft mit den legendären Stan Laurel und Oliver Hardy (Dick und Doof) verglichen, doch dieser eher oberflächliche Vergleich griff immer viel zu kurz und wurde der intellektuellen Komplexität ihrer Beziehung nicht gerecht. Der wahre Geniestreich ihrer Nummern lag in der viel tieferen Wahrheit: Herricht, der stets den gespielten Dummkopf gab, verstand die hochtrabenden Ausführungen seines Partners sehr wohl. Er genoss es geradezu, Preil genüsslich in die Irre zu führen und ihn im festen Glauben zu belassen, er hätte die geistige Oberhand.
Am Ende jedes Sketches war es fast immer Preil, der hochintellektuelle Besserwisser, der sich hoffnungslos in seinem eigenen, viel zu komplexen Wortschwall verfing und stolperte, während Herricht mit einem unschuldigen Achselzucken, einem verschmitzten Lächeln und den absoluten Sympathien des Publikums als heimlicher Sieger davonging. Der Naive war stets deutlich klüger, als er aussah. Und das Publikum, das in seinem eigenen, politisch stark reglementierten Alltag oft genug den Kürzeren zog, liebte und durchschaute dieses subversive Spiel nur zu gut.
Es war ein geheimes, unsichtbares Bündnis zwischen den beiden Männern auf der Bühne und den Millionen Menschen in ihren Wohnzimmern, die sich verstanden fühlten.
Doch je heller sein Stern am öffentlichen Unterhaltungshimmel erstrahlte, desto dunkler und kälter wurde es paradoxerweise in seinem eigenen Inneren. Privat war Rolf Herricht ein fast schon tragisch zerrissener, tief melancholischer und einsamer Mensch. Die ständige, unausweichliche Präsenz in der Öffentlichkeit, der enorme Zwang, immer und überall der lustige, leicht zugängliche Publikumsliebling sein zu müssen, wurde für ihn zunehmend zu einer erdrückenden Last. Seine Nichte Dagmar Herricht öffnete viele Jahre später das Fenster zu seiner verborgenen Seele und berichtete Erschütterndes: Der berühmteste Komiker der DDR traute sich in seinen letzten Jahren kaum noch ungeschminkt auf die Straße.
Er verkleidete sich regelrecht, zog sich tief ins Gesicht gezogene Hüte und dicke Brillen an, nur um beim Bäcker oder auf einem einfachen Spaziergang nicht erkannt und freudig angesprochen zu werden. In den schützenden Wänden seines eigenen Zuhauses war von dem sprudelnden, mitreißenden Humor, den Millionen so bedingungslos liebten, absolut nichts zu spüren. Er erzählte dort niemals Witze. Er war extrem ruhig, sehr in sich gekehrt, oft von einer schweren Schwermut geplagt.
Zwischen dem stets strahlenden Mann auf der Bühne und dem verletzlichen Menschen dahinter klaffte eine schmerzhafte, stetig wachsende Distanz, die selbst seine engsten Vertrauten deutlich spürten, ohne sie jemals ganz überbrücken zu können. Der MDR fasste Herrichts Tragik einmal sehr treffend zusammen: Er war ein genialer Komiker, der zeitlebens verzweifelt darum kämpfte, als echter, tiefgründiger Mensch ernst genommen zu werden, und nicht nur als ewige, klischeehafte Witzfigur zu enden.

Diese fundamentalen, kaum noch zu vereinbarenden Unterschiede in ihren Persönlichkeiten und Lebenszielen blieben letztlich nicht ohne verheerende Folgen für ihre lange Partnerschaft. Zwei Lebenswege, die über fast drei Jahrzehnte wunderbar und hochproduktiv parallel verlaufen waren, begannen sich unmerklich, aber unaufhaltsam voneinander wegzubewegen. Laut intensiven Recherchen des MDR galt ihr persönliches Verhältnis bereits seit geraumer Zeit als äußerst angespannt und schwer belastet, als sie im Jahr 1977 für die große Samstagabend-Show „Ein Kessel Buntes“ ein allerletztes Mal gemeinsam vor die Fernsehkameras traten.
Wer an jenem denkwürdigen Abend mit einem heißen Glas Tee in der Hand entspannt im Wohnzimmer saß, lachte Tränen – ganz genau so wie immer. Herricht und Preil lieferten professionell ab. Es war pure, ungetrübte Verlässlichkeit, ein Stück unerschütterliche Heimat in einer oft so grauen und unsicheren Zeit. Nichts, absolut nichts an ihrer brillanten Performance ließ auch nur den leisesten Verdacht aufkommen, dass die begeisterten Zuschauer gerade das endgültige Ende einer großen Ära bezeugten. Weder das klatschende Publikum noch die stets wachsame Presse ahnten, dass es unwiderruflich der letzte gemeinsame Auftritt sein würde.
Und vielleicht – das ist wohl die tragischste aller offenen Fragen – wussten es die beiden Protagonisten in diesem